Es ist Januar, und draussen vor der Tür versammeln sich von Melina sehr geschätzte Baggerungetüme, die uns die nächsten Wochen begleiten werden. Die Kanalrohre werden ersetzt, und wie schon beim Einzug – vor zwei Monaten wurden im Viertel neue Gasleitungen gelegt – bedeutet das freundliches Wiedererkennen zwischen Männern in orangenen Jacken und uns, die wir dann auf Holzplanken in den Bauch unserer Wohnung flüchten werden.
Dort geht es zwischendurch sehr häuslich zu. Sephardische Hühner werden gekocht, amerikanische Nasenwärmer ausprobiert und ganz selten darf Melina sogar eine Folge von einem unserer Kindheitshelden, dem kleinen Maulwurf (krtek) sehen.
Yuri versteht die Katzenklappentechnik noch nicht, will aber trotzdem alle fünf Minuten raus in den Garten, der noch im fremden Winterschlaf steckt.
Gestern habe ich entdeckt, wie Melinas Kochneugier wenigstens kurz befriedigt werden kann (zien! gucken!!). Und heute durfte sie dabei an allen Gewürzen riechen und ich erfreute mich an ihrem erstaunten Gesicht.
Wir haben auch zwei neue Hausfreunde: Goethe und Schiller. Nachdem ich dem Töchterlein vor Weihnachten aus Spaß von den zwei schreibenden Freunden erzählt habe, sucht und erkennt sie sie überall. In Kisten, in Büchern, auf Postkarten. Seit kurzem auch als freundlich hüpfende Salz- und Pfefferstreuer, die vor dem Schlafengehen in ihrer Schachtel von Melina ein Küsschen bekommen.
Und jetzt, liebe Leser, kommt endlich der Bogen zum eigentlichen Thema (der Winter bindet umständliche Schleifen in meine Gedanken):
Möchte Melina ihren Schnuller, ruft sie entweder ‘peen’ (von nld. ‘speen’) oder ‘Schiller’ (!). Seit langer Zeit gibt es das Objekt ihrer Begierde nur noch zum Schlafen. Da sich allerdings in unseren Köpfen der Moment des 2. Geburtstag als ein guter für den Beginn der schnullerlosen Zeit eingraviert hat, schläft das tapfere Melinchen seit zwei Tagen ohne. Cold Turkey, aber begleitet von dem Klassiker “Du bist ja schon ein großes Mädchen, und Schnuller sind für Babies!” Einmal versuchte sie sich ihn erfolglos mit dem Argument “Melina müde Baby” zu erschleichen, aber insgesamt hat sie den Zustand klaglos akzeptiert und schläft auch so brav ein. Zärtlich bemerken wir ab und zu noch Phantomschnullerbewegungen in ihrem Schlaf. Nach dem Aufwachen strahlt sie stolz, wenn wir Stolzen sie loben.
Ein weiterer Schritt ist die Verkürzung des Abendrituals. Seit diesem jungen Jahr gibt es zwar noch das Vorlesen, Singen und dazu Tagesrückblick und -vorschau, aber nicht mehr das Sitzen an ihrem Bett, bis sie eingeschlafen ist. Sie vertraut darauf, dass wir noch zwei-, dreimal nach ihr sehen und ihr etwas Nettes zuflüstern oder übers Haar streicheln. Dann schläft sie meist schon.
Sie wird wirklich ein großes Mädchen, unsere Melina!
Und dieser Winter ist besonders gemütlich mit ihr, die fröhlich singt, malt, baut, schnullerlos schläft und genauso gern Bagger wie kochende Eltern beobachtet und nachmacht.
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